25 November 2017 – 04 February 2018

Olaf Metzel
EXHIBITION | doing identity – Die Sammlung Reydan Weiss

Kunstmuseum Bochum, Bochum, Germany

Diese Sammlung ist etwas für Kunstentdecker. Als „Sammlerin zwischen den Welten“ wurde Reydan Weiss in Istanbul geboren, wuchs in Jordanien sowie Jerusalem auf, kam zum Studium nach Deutschland und lebt heute in Neuseeland, Deutschland und der Türkei. Aus ihrer Biographie resultiert ein übergrenzender Blick für die Kunst, der sich in ihren hochkarätigen bis provokanten Erwerbungen spiegelt: Cindy Sherman, Gerhard Richter oder Alicja Kwade treffen auf neue Werke aus Kuba, Chile, Australien oder Asien, Skulptur und Malerei begegnen Fotografien, Keramiken oder jüngsten Videoarbeiten. „Das Sammeln von Kunst bedeutet für mich: offen sein für Neues, neugierig bleiben und Veränderung wertschätzen.“ So beschreibt Reydan Weiss ihr persönliches, seit 30 Jahren andauerndes doing identity mit der zeitgenössischen Kunst.

Der englische Ausstellungstitel leitet sich von der amerikanischen Philosophin Judith Butler ab, die das Schlagwort des „doing gender“ prägte. Mit ihm umschrieb sie das „Geschlecht“ als keine feste, natürliche oder bloß angeborene Kategorie, sondern als etwas Prozesshaftes, das sich zwischen den Vorstellungen wie Erfahrungen des Einzelnen und der Gesellschaft formuliert. Ähnlich performativ, dialogisch und offen möchte die Ausstellung doing identity Möglichkeiten individueller undgesellschaftlichen Identitätsformungen ins Blickfeld rücken. Die Besucher sind eingeladen, auf einem thematisch gegliederten Parcours verschiedenen Stationen alltäglicher Ich-Formulierungen nachzuvollziehen.

Der Streifzug beginnt bei der Befragung der menschlichen Sammelleidenschaft, führt von der Gattung Porträt zu aktuellen Männlich- und Weiblichkeitsinszenierungen, stellt Familie, persönlichen Geschmack, Kunst und Kultur als identitätsstiftende wie -differenzierende Felder dar und unternimmt einen „Jetztschnitt“ durch Musik, Bildende Kunst, Literatur, Politik und Presse. Bildet das Porträt unser Ich ab oder bildet es erst das, was wir in der Rückschau als die eigene Individualität auffassen? Wie und in welchem Maße sind unser Job, Rituale, die Künste an der Konstruktion und Dekonstruktion geschlechtlicher Rollenvorstellungen beteiligt? Wohnt ein Ich in uns oder wohnt es vielmehr in den Schnittstellen zum Wir, in den Dingen, mit denen wir uns umgeben? Formt es sich in der Kleidung, die wir tragen, in den gekauften Möbeln und Kunstwerken? Aktuelle Migrations- und Flüchtlingsdynamiken zeigen, dass doing identity in vielen Gesellschaft schwer bis unmöglich sein kann. Inwiefern stellen Geschichten, Kultur, Religion oder Konsum identitätsstiftende Rahmenbedingungen für eine Gruppe oder gar Nation? Inwiefern wirken sie ein- wie ausschließend? Welche Freuden, Ängste, welcher Mut und Übermut könnten Teil einer Identität unserer Gegenwart sein?

Dank der Offenheit von Reydan Weiss beim Umgang mit ihrer Sammlung konnte ein junges Kuratorenkollektiv des Kunsthistorischen Instituts der Universität Bonn unter der Leitung von Professorin Dr. Anne-Marie Bonnet und Michael Stockhausen diesen aktuellen wie spezifischen Ausstellungsfokus entwickeln. Mit dem Kunstmuseum Bochum fand das Team einen experimentierfreudigen Partner, der den jungen Kolleg*innen einen großen Freiraum für eigene Sichtweisen auf die Sammlung ermöglichte. Ihre 270 Exponate umfassende Auswahl – die bisher umfangreichste Präsentation der Sammlung Reydan Weiss überhaupt – orientiert sich an den zentralen Schwerpunkten der Sammlungsbestände. Der Rundgang, der die Anthropologie des Sammelns mit einer kontroversen Identitätsbefragung verschränkt, präsentiert viele Arbeiten zum ersten Mal, zeigt bekannte Positionen, verspricht Neuentdeckungen und wird von einem eigenen Magazin sowie Soundtrack begleitet.

 

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