08 April 2017

Nevin Aladağ
Interview with Nevin Aladag on Rbb Online

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Künstlerin Nevin Aladağ hat wochenlang griechische Flohmärkte nach besonderen Möbeln durchstöbert. Daraus hat die in Berlin lebende deutsch-türkische Künstlerin dann Musikinstrumente gebaut: Ein antiker Tisch mutiert zu einer persischen Santur, einem Zupfinstrument – und ein Flohmarkt-Sessel zu einer Flamenco-Gitarre.

Traditionelle griechische Flechtstühle hat sie gefunden und Retro-Möbel aus den 70er Jahren: Barhocker, Sessel und Sofas. Gemeinsam mit Athener und Berliner Instrumentenbauern wurden aus diesen Fundstücken Instrumente: klassische, aber auch traditionell griechische.

“Musikzimmer Athen”

Aladağ hat in der Athener Musikschule, einem Bau aus den späten 50er Jahren, ihr “Musikzimmer Athen” aufgebaut. Es ist auf der 14. Documenta, der weltweit größten Schau für zeitgenössische Kunst, in Athen zu sehen. Am Samstag eröffnet sie dort, bevor sie im Juni nach Kassel kommt.

 

Man sollte sich nicht wie ein üblicher Tourist verhalten

Das Musikzimmer gehört wohl zu den sinnlichsten Kunstwerken, die es bei dieser Documenta zu sehen gibt. Aber auch anderen Kunstwerken soll sich der Besucher nach Meinung von Adam Szymczek, künstlerischer Leiter der diesjährigen Documenta, sinnlich nähern. Nicht wie ein üblicher Tourist, mit festem Programm und klaren Erwartungen.

Loslassen soll der Besucher, neugierig sein und offen. “Ich werde oft gefragt, was wir denn von Athen lernen sollen”, erzählt Szymczek. “Vielleicht geht es eher darum, was wir verlernen sollen. Was wir verlernen müssen.” Von Athen lernen – das war der Arbeitstitel der 14. Documenta.

Die Documenta müsse dorthin, wo es wehtut

Als vor etwa drei Jahren Szymczyk nach Kassel berufen wurde, war ihm schnell klar, dass die Documenta endlich einen gleichberechtigten zweiten Ausstellungsort bräuchte, und zwar dort wo es wehtut, am südöstlichen Rand von Europa.

Dorthin, wo Staatspleite und hunderttausende Geflüchtete täglich aufs Neue beweisen würden, dass ehemals Selbstverständliches neu gedacht werden müsse. Gewohntes verlernen – Sätze wie: ‘die Griechen sollten endliche ihr Hausaufgaben machen’, und Neues erlernen – Letzteres habe wohl gerade erst begonnen.

160 internationale Künstler eingeladen

Für das Großprojekt Documenta hat Szymczyk mit seinem Kuratoren-Team fast 160 internationale Künstler eingeladen. Viele von ihnen haben ihre Arbeiten speziell für die jeweiligen Ausstellungsorte Kassel und Athen entworfen. Wie langwierig dieser Prozess war, zeigt sich an der kurzfristigen Einladung einiger Künstler.

Manche hatten gerade einmal wenige Monate Zeit, ihre Arbeiten zu entwerfen und in Athen auf die Beine zu stellen. Der Mietvertrag für einige Ausstellungsorte in Athen wurde erst sechs Wochen vor der Eröffnung unterschrieben. “Ja, es war zäh und manchmal schwierig”, berichtet auch Aladağ, die Künstlerin der klingenden Möbel. “Wir mussten uns auf andere Tempi einstellen, auf andere Menschen und deren Umstände.”

Viele Ausstellungsorte sind nicht leicht zu finden

Aber das sei eine gute Erfahrung gewesen. “Ich konnte mich selbst nochmal in ganz anderen Situationen erleben und darüber kontemplieren, wie ich mich in solchen Situationen eigentlich verhalte”, sagt Aladağ.

Erwartungen und Ansprüche mussten sie und andere Künstler zum Teil über Bord werfen. So wird es vielleicht auch einigen Documenta-Besuchern ergehen: Viele der fast 50 Ausstellungsorte sind nicht leicht zu finden, sie sind verteilt über die halbe Stadt. Athener kennen die Documenta kaum, deshalb können sie im Zweifel nicht bei der Suche weiterhelfen.

 

Auf der Suche nach dem einen findet man das andere

Auf dem “Ersten Friedhof” Athens können die beiden Herren am Eingang kein Englisch und von der Documenta haben sie auch noch nie etwas gehört. So suchen Besucher vergeblich die Sound-Installation des US-amerikanischen Performance-Künstlers Pope L. und irren einsam zwischen marmornen Grabmalen. Falls sie vergeblich Documenta-Kunst suchen, finden Besucher aber etwas anderes: eine für Athen ungewöhnliche Ruhe, blühende Orangenbäume, den Duft von Jasmin und das Grab des berühmten Archäologen Heinrich Schliemann.

Vielleicht ist es das, was Adam Szymczyk meint, wenn er vom “verlernen” spricht: Auf der Suche nach dem einen findet man das andere.

Ein gusseiserner Gartentisch, behängt mit Glocken und Schellen, lässt sich vielleicht aufgrund der Geräuschkulisse finden – auch ein Kunstwerk der Berliner Künstlerin Aladağ. Drei griechische Musiker machen etwa zweimal am Tag eine Stunde lang Musik auf dem ungewöhnlichen Möbelparcours. Er klingt wie eine Schafherde.

Sendung: Inforadio, 08.04.2017, 14:05 Uhr

 

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